Es ist noch keine 48 Stunden her, und ich habe mir meine Portion Meer im Sommer abgeholt. Wir hatten uns schon im letzten Jahr dazu entschieden im Urlaub eine Städtetour an einem verlängerten Wochenende nach Göteborg zu machen. Und so haben wir also unsere paar Sachen zusammengepackt und sind zu meinem Bruder nach Kiel gefahren, um von dort aus mit einer Fähre in See zu stechen. Meine Schwester war schon dort und um 16 Uhr durften wir endlich auf das Schiff. Die Kieler Förde vom Deck 11 war schon eine ganz besondere Perspektive. Die Riesenräder und Fahrgeschäfte die am Ufer zur Kieler Woche aufgebaut waren, waren so klein und sahen aus wie die Spielzeuge von Schiffskoboldkindern und es war beim Auslaufen der freundlich tutenden Fähre ein phantastischer Blick über die Kieler Förde. Auf dem Deck flanierten sehr zufrieden dreinschauende Passagiere in die frischen Brise der Ostsee in weiter flatternder Kleidung in der Sonne und ich fing an bei diesem fast schon mediterranen Feeling die Matrosen an Deck für ihren Arbeitsplatz zu beneiden. Hach, pure Seefahrerromantik. Wie schnell blendet man bei solchen Momenten gerne aus, dass das Meer nicht immer spiegelglatt ist und einen atemberaubender Sonnenuntergang päsentiert, sondern sicher auch oft genug seine Fratze zeigt und einem bei 4°C, Sturm und Regen das Wasser durch die Ölkleidung drängt wenn man die Ladung kontrollieren muss. Würde ich dann noch tauschen wollen? Wahrscheinlich eher nicht. Und so überkam mich nach einem kurzen Moment des Nachdenkens doch eher Bewunderung als Neid für ihren Job.
Tja, und hier unterscheiden sich eben Fährfahrt und Kreuzfahrt. Man fühlt es quasi, dass eine Fähre ein Transportmittel ist und kein Eisending was rein zum Vergnügen zusammengeschweißt worden ist. Das Publikum auf einem solchen Schiff ist eben auch ein anderes. Passagiere die bequem von A nach B wollen und niemand der erwartet permanent bespaßt zu werden. Ich habe diese Seereise als wahnsinnig angenehm empfunden und hätte gar kein Bock auf eine Kreuzfahrt bei der man sich auf See dem Dolce Vita wie ein römischer Kaiser hingibt und bei Landgängen wie eine große Schafherde an Sehenswürdigkeiten vorbei getrieben wird. Aber die Geschmäcker sind eben sehr verschieden.
Jetzt wieder daheim fehlt mir der angenehme Wind auf dem Sonnendeck schon sehr und auch wir haben hier Sommer. Unsere Collies suchen sich die kühlsten Plätzchen auf den steinernen Fliesen im Haus und meiden die Sonne und den Garten so gut es geht. Selbst Motorräder dürfen jetzt unbebellt an der Buchenhecke vorbeifahren und man selber ist froh vor einem Ventilator zu liegen, sich vom ihm befächeln zu lassen und nicht zur Arbeit zu müssen, wenn die Gedanken nur noch zähflüssig wie Honig sind.
Fast 40°C hat man uns zum Wochenende versprochen und wenn ich ehrlich bin, graut mir schon ein bisschen davor und ich fühle mich zu alt für so’n Scheiss. Würde ich vielleicht jetzt, bei diesen Aussichten mit den Matrosen an Bord tauschen wollen? Nee, immer noch nicht. Aber ich finde der Kapitän der Fähre hätte kurz vor Kiel ruhig nochmal umdrehen können, um nachzusehen, ob er daheim wirklich Bügeleisen und Herd ausgeschaltet hat. So’ne zweite Portion Meer hätte mir bei diesem Sommer schon gut gefallen.

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