Impuls der 68. Blognacht und heute nachgeschrieben
Wir hatten eigentlich Klassentreffen nach 45 Jahren und ich musste spontan absagen und lag krank zu Hause. Das hat mich doch schon sehr traurig gemacht, denn das letzte Klassentreffen war unser Silberjübiläum und das war ja auch schon 20 Jahre her. Aber es nützte ja nix und so habe ich einen Tag vor dem Termin in der WhatsAppGruppe absagen müssen. Spontan wurde ich allerdings online ins Klassentreffen eingebunden. Wir hatten ja die Gruppe und irgendwer tickerte immer mit mir, oder wir schickten uns Fotos aus den alten Schulzeiten oder wie wir jetzt als ältere Menschen aussahen. Es war fast wie live dabei zu sein, aber eben online, und online so ohne direkten Kontakt erzählt man sich vielleicht manchmal mehr als man Face-to-Face sagen würde. So kam es, dass ich mich geoutet habe in Klasse neun und zehn unsterblich in Anja verliebt gewesen zu sein. Als Teilnehmer der Veranstaltung hätte ich das sicher nicht gesagt, aber so in der Anonymität des Onlineseins halt schon. Verplappert? Vielleicht schon.
Anja jedenfalls war gar nicht auf dem Klassentreffen und ich weiß auch die Gründe nicht warum. Nach dem Schulabschluss stoben wir alle auseinander und zumindest zu mir brachen eigentlich alle Kontakte ab und natürlich auch der zu Anja. Ich glaube sie hat damals irgendwo eine medizinische Ausbildung begonnen. So habe ich immer noch die Bilder von damals im Kopf.
Anja war eine große Person. Sie hat kupferrote Naturlocken, richtig smaragdgrüne Augen und war übersäht mit Sommersprossen. So wie man sich Ronja die Räubertochter oder Lotta aus der Krachmacherstrasse aus den Büchern von Astrid Lindgren so vorstellt. Ich denke sie hat damals ihr Äußeres gehasst und sprach immer davon, dass sie vor 500 Jahren bestimmt auf einem Scheiterhaufen verbrannt worden wäre. Aber ich liebte es und fand sie einfach wunderschön. Natürlich habe ich ihr, so unsagbar schüchtern wie ich war, nie meine Liebe gestanden.
Wo sie jetzt wohl ist und ob es ihr gut geht? Ob sie eine Familie hat und ob ihre Haare wohl jetzt schon grau sind oder immer noch kupferrot? Ich erwische mich selber ja öfter mal dabei und denke über das was wäre wenn und wie mein Leben wohl verlaufen wäre nach, wenn ich an einer Gabelung die andere Richtung auf dem Lebensweg genommen hätte. Wäre es mein Leben besser verlaufen? Ich denke nicht unbedingt besser, aber sicher anders. Und hätte ich das gewollt?
Ich kann für mich sagen, nein!
Meine erste Ehe war sicher nicht die einfachste Zeit in meinem Leben, aber ohne diese hätte ich die Frau meines Lebens mit der ich jetzt verheiratet bin und die ich über Alles liebe niemals kennengelernt. Ich hätte niemals Nestwärme einer Familie kennengelernt. In meinem Elternhaus nie wahrgenommen und gehabt, und mittlerweile für mich kostbar wie ein Edelstein.
Genau in dieser Konstellation möchte ich noch einige Jahre verleben, alt werden und irgendwann auch sterben. Und von Anja behalte ich die Bilder einer kupferroten Schönheit mit Sommersprossen und smaragdgrünen Augen im Kopf in die ein pubertierende Bub mal unsterblich verliebt war.
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