Da hatte er es also gemacht und hat sich zum Hamburg Marathon angemeldet. Sein allererster Marathon, und nach sechzehn Wochen Vorbereitung für unseren Sohn war nun endlich der Termin zur Abreise nach Hamburg gekommen und natürlich waren auch wir, die Familie, als Hardcorefans in seinem Tross dabei und froren bei lausiger Kälte am Gleis 1 der kleinen Bahnstation und warteten auf den Zug. Die Reise in die Großstadt war für uns Landeier unspektakulär und wir unterscheiden uns im Zug nicht groß von den erfahrenen Städtern als wir uns Hamburg immer weiter näherten.
Wir hatten unterschiedliche Hotels, der Extremsportler mit seiner Frau irgendwo relativ elegant in der City, und ich habe für den Rest ein schon etwas verwohntes, günstiges, aber sehr sauberes Hotel in Elmshorn ganz in der Nähe einer U-Bahnstation gebucht. Zum Abendessen trafen wir uns dann wieder alle im Portugiesenviertel in einem Restaurant. Es ist schon sehr spannend Menschen in einem vollbesetzten Lokal zu beobachten. Jeder Tisch irgendwie ein eigener Kosmos im Gesamtuniversum des Gastraums. An dem kleinen Tisch die einzelne Frau die ganz still und vertieft in ein Buch ab und zu eine Gabel voll von ihrem Salat aß. Ein Stück weiter das verliebte Pärchen, dass sich beim Warten auf die Bestellung über den Tisch Händchen haltend lächelnd und tief in die Augen schaute, dass die Blitze nur so hin und her flogen. Die drei Schlipsträger, die vielleicht ein gutes Geschäft zu feiern hatten. Neben uns eine weitere kleine Gruppe bei der am Tisch auch viel gelacht wurde. Um die Ecke der Tisch mit jungen Menschen, die auch bester Laune und eigentlich schon sehr laut waren aber dadurch, dass sie um die Ecke saßen kam es angenehmerweise gedämpft rüber. Naja, und wir, die alles bestaunten wie den Guitarrero der von Tisch zu Tisch ging und für die Gäste lateinamerikanische Gassenhauer spielte und sang. Erlebnisgastonomie pur, und total lecker war’s auch!
Am nächsten Tag war alles anders. Vor allem das Wetter hatte ein Einsehen. War es am Tag zu vor noch ungemütlich und es bließ ein kalter Wind war am Tag des Marathons ideale, sonnige Laufbedingungen. Und es war Volksfeststimmung am Start und nicht nur dort. So feuerten wir den Protagonisten schon am Start frenetisch mit Klatschpappen und Anfeuerungsrufen, und fuhren den Läufern mit der U-Bahn hinterher. Überall in der Nähe der Stationen war Livemusik oder Trommlergruppen und von der Strecke wurde berichtet, dass unseren Sohn wildfremde Menschen anfeuerten, überall an den 42,195km Menschen standen die klatschten, Kinder ihre Hände in die Strecke hielten und sich von Läufern abklatschen ließen. Es war eine beeindruckende und ansteckende Atmosphäre. Einfach unbeschreiblich was da los war. Und unser Sohn hat es dann geschafft in einer bemerkenswerten Zeit unter vier Stunden ins Ziel zu laufen. Nach einer längeren Zeit im Wartebereich für Familienmitglieder kam er dann. Zwar erschöpft, aber glücklich und stolz mit seiner Goldmedaille um den Hals. Unsere Schwiegertochter fiel im heulend vor Erleichterung, Glück und Stolz um den Hals, wie wir alle anderen dann auch. Am späten Nachmittag fuhren wir dann mit der Bahn wieder heim und die Medaille baumelte immer noch um seinen Hals. Würde er nochmal einen Marathon laufen? Wohl eher nicht. Die Vorbereitung darauf ist dann doch etwas heftig. Aber mittlerweile haben sich Sohn und Tochter für nächstes Jahr zum Halbmarathon angemeldet. Eine Idee die schon auf der Rückfahrt gärte.
Tja, und dann am nächsten Morgen erreichte uns diese unfassbare Nachricht. Der Freund der Schwester unserer Schwiegertochter ist in der Nacht als Mitfahrer bei einem Verkehrsunfall tödlich verunglückt. Und keine 24 Stunden später wurde wieder geweint. Diesmal allerdings aus Trauer, Wut und Fassungslosigkeit über diesen unsagbaren Verlust. Eine kurze Bremsspur, eine eingedrückte Hecke, die verletze Rinde eines Baums und mit einem Knall ist das Leben von zwei 19-jährigen jungen Männern ausgelöscht. Von jetzt auf gleich. Und auch wenn irgendwann vielleicht, wie es so sein muss die Schuld geklärt wird, macht das auch niemanden wieder lebendig und gibt der Schwester unserer Schwiegertochter ihre große Liebe zurück. Auch wir stehen fassungslos davor und in mir wuchs der Druck für die Familie unserer Schwiegertochter einen Trauerbrief zu schreiben. Es musste raus! Und so liegen Triumph und Schicksal oftmals so dicht beieinander, dass man den Triumph gar nicht auskosten kann, sondern jetzt immer auch die die bittere Trauer darüber liegt.
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