#6 Pommes

Mein Vater ist mittlerweile schon fast fünfzig Jahre tot und es verblassen die Erinnerungen an ihn immer mehr. Auch die, wie er eigentlich so war. Ich meine zwischenmenschlich und so, ob wir uns als Erwachsene verstanden hätten, uns nur gestritten hätten oder ob er zufrieden und stolz auf mich gewesen wäre. Immerhin war ich keine vierzehn Jahre, als er für immer ging.

Ein paar Sachen sind in mir aber immer noch gegenwärtig. Mein Vater war in der Geschäftsführung des klitzekleinen Baustoff- und Mineralölhandels meines Großvaters beschäftigt. Und so kam es schon einmal vor, dass er am Nachmittag, wenn der angestellte LKW-Fahrer Heizöl und sowas ausfahren musste, selber zum Lenkrad des kleinen Mercedes-Rundhaubers griff und Zement, Steine oder sonst was holte. Ob er das nun unbedingt musste, oder ob er einfach nur Bock draufhatte, weiß ich nicht. Ich jedenfalls durfte dann in den Ferien, oder wenn ich meine Hausaufgaben fertig hatte, mitfahren. Besonders cool waren die Touren nach Kätingen zum Kalksandsteinwerk, oder noch besser nach Lübbecke in den Hafen am Mittellandkanal zur Auslieferstelle des Zementwerkes in Lengerich, die damals noch von Lengerich aus mit Binnenschiffen ihren Zement an Auslieferstellen am Kanal und bis nach Berlin transportierten.

Und so kam es, dass ich als kleiner Bub von neun oder zehn Jahren die Beifahrersitzbank des Lasters erklomm und wir dann so langsam losfuhren. Vor uns in der kurzen Haube des Lasters brummte zufrieden der Diesel und mein Vater und ich unterhielten uns auf der Hinfahrt zum Hafen über dies und das. Im Winter saß ich dick im Parka eingemummelt dort, weil die Heizung im Laster so schlecht war, und im Sommer in kurzen Lederhosen am offenen Fenster und spielte mit der Hand im Fahrtwind.

Kamen wir im Hafen an, stellten wir uns in die Schlange der anderen noch zu beladenden LKW und mein Vater machte irgendein Papierkram. Hatte ich Glück und es waren Ferien, war dort ein Binnenschiff was zum Löschen der Ladung angelegt hatte und es waren in dann die Kinder der Binnenschiffer an Bord. Dann konnte ich mit ihnen auf dem Schiff oder im Hafen spielen. Im Grunde alles Sachen, die heute unvorstellbar sind, aber wir hatten großen Spaß. Hatte mein Vater dann den Zement geladen, pfiff er zur Abfahrt nach mir. Manchmal mussten wir auch den Zement abplanen, wenn Regen drohte. Das war eine sehr mühselige Arbeit, aber ich half, wo ich konnte. So hing ich mich mit meinem ganzen Körpergewicht an den Gummischlaufen der Plane und versuchte sie in die Haken an der Bordwand einzuhängen. Hatte ich drei davon geschafft, hatte mein Dad schon die anderen selbst eingehängt.

Highlight dieser Touren war für mich aber immer die Rückfahrt. Jetzt brummte der Diesel nicht mehr so zufrieden, sondern höchst angestrengt und bei jeder noch so kleinen Steigung ging im fast die Puste aus, so dass ich so lange ängstlich mitfieberte, bis es wieder etwas bergab ging. Das ging so lange bis mich mein Papa frug, ob ich hungrig wäre und Lust auf eine Pommes hätte. Das kam bei jeder Tour die ich mitgefahren bin, und ich bin mir heute echt nicht mehr sicher ob ich nicht auch genau deshalb immer wieder mitfuhr.

Die Bremsen zischten, die Handbremse wurde gezogen, der Diesel durfte sich etwas ausruhen und wir gingen in einer dieser Pommesschmieden die immer vor einer größeren Ortschaft an einem Parkplatz waren. Mal gab es die Pommes in spitzen Tüten, mal auf Tellern, oder in Schalen. Für mich aber gab es Pommes immer mit Mayonnaise und für meinen Papa immer mit Ketchup. Und dazu natürlich auch eine echte Cola, von der aber meine Mutter nichts wissen durfte, da sie Cola für Kinder hochgradig gefährlich fand. Manchmal waren dort auch andere Fernfahrer, zu denen ich immer ehrfürchtig aufschaute, wenn sie dort an heißen Sommertagen in ihren weißen Unterhemden und ihrer schweißglänzender Haut mit verrantzten Mützen auf dem Kopf ihre Pause machten. Aber so abgearbeitet sie auch aussahen, sie waren alle total nett zu mir und manchmal schenkte mir auch einer dieser fremden Männer einen Lutscher. Einfach so.

Ich liebte diese Pausen, und ich liebe auch noch immer Pommes. Pommes Mayo mit einer Cola dabei. Genau diese Bilder sind mir immer noch unverblasst im Kopf präsent, als ob es noch gar nicht lange her sei. Und oft, ganz oft halte ich mittlerweile selber unterwegs auf eine Pommes an. Und ich wünschte mir, mein Papa wäre auch dabei. Was würde ich dafür geben noch einmal jetzt mit Papa in so einer Bude zu stehen und Pommes zu essen. Soviel hätte ich ihm aus meinem Leben zu erzählen, denn wir hatten ja nicht so lange Zeit miteinander. Ich denke immer noch an ihn, und ich glaube er wäre zufrieden und stolz auf mich.

 

Antwort

  1. Avatar von yappadidu

    hmmmm schöne Erinnerungen………🙏🙏🙏

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