Mein Vergangenheits-Ich hätte mich verachtet so wie ich jetzt lebe. Zurückgezogen, abends mit der geliebten Frau und den Collies vorm Fernseher um davor sogar noch oft genug einzuschlafen. Es würde über mich nur entsetzt den Kopf schütteln und fragen „wie das soll ich sein?“
Als Vergangenheits-Ich habe ich ganz, ganz anders gelebt. Das Vergangenheit-Ich war selten daheim und ist im Alter von 23 Jahren alleine in eine 42qm, Küche, Bad Einzimmerwohnung gezogen. Direkt unter ein schlecht gedämmtes Flachdach mit Raumtemperaturen im Sommer von über 30°C. Aber es war ja egal, es war ja selten und eigentlich nur zum Schlafen da. Aber es war endlich vom daheim weg. Es hat sich viel mit seinen Kumpels getroffen und es ist feiern gegangen. Zumindest im Sommer war jedes Schützenfest und jede Zeltdisco (ja, sowas gab’s auf dem Land wirklich) euer, und trotz reichlich Alkohol sind ihr dann, wenn die Wolken wieder lila wurden, mit dem Rad zum Baggersee gefahren um dort natürlich nackt zu baden. Im Winter habt ihr dann eher Gesellschaftsspiele, Skat um einen Zehntel Pfennig oder Doppelkopf für’n Groschen den Tacken gespielt. Kino war auch immer ein Thema. Und Sport! Es hat es geliebt mit dem Rennrad zu fahren oder mit dem Mountainbike durch den Wald zu zischen Ja, liebes Vergangenheits-Ich, aber belügst du dich da auch nicht auch ein bisschen selbst? Klar konntest du mit dir selbst was anfangen, jedenfalls hast du das immer behauptet. Du hast dich oft mit deinen Kumpels rumgetrieben, aber wenn du ehrlich bist warst du oft genug auch einsam. Kann es vielleicht sein, dass du jahrelang total unglücklich verliebt warst? Kann es sein, dass du die Trennung von deiner ersten riesengroßen Liebe nie für dich aufgearbeitet hast und du dir immer gesagt hast so eine große Liebe gibt es nie wieder? Kann es sein, dass du es selber nie wieder zu einer Beziehung kommen lassen? Und ich kann dir sagen mit der Erfahrung von jetzt sagen, Chancen hättest du genug gehabt.
Aber ich will nicht nur meckern! Du hast nie was mit Drogen angefangen. Du warst nie in eine Schlägerei verwickelt und bist sowas immer aus dem Weg gegangen, ja hast sogar mit solchen Menschen gebrochenen. Fairness war dir immer wichtig, selbst wenn es für dich zum Nachteil wurde.
Und dann hast du doch noch eine Frau gefunden und mit ihr zwei Kinder bekommen und sie aufgezogen. Aber eure Lebensentwürfe haben dann eben doch nicht so gepasst. Vielleicht lag es auch an dir, weil du dich immer noch nicht richtig hast fallen lassen können. Du hast dich getrennt und scheiden lassen.
Tja und dann trat sie in unser Leben. Und ich konnte mich fallen lassen und bin völlig verknallt. Immer noch. Sie ist mein ganz großer Anker, ein Hafen in den man immer wieder gerne zurückkehrt. Eigentlich brauche ich sie nur in meiner Nähe wissen und ich bin glücklich. Verstehst du mich jetzt ein bisschen? Liebes Vergangenheits-Ich, ich bin froh, dass du genauso bist wie du bist. Ich möchte nicht einen Drink missen, nicht einen verloren Grand beim Skat oder einen gewonnenen Bubensolo beim Doppelkopf. Nur durch dich bin ich jetzt so wie ich bin. Retroperspektiv können wir uns gemeinsam unterhaken, zurückschauen und zu uns sagen „unser Leben war im Großen und Ganzen schon in Ordnung so“. Und jetzt packe ich dich wieder in mein Herz und mein Gedächtnis und nehme dich auf unsere gemeinsam letzen Jahre mit, von denen wir hoffentlich noch viele zusammen haben werden. Alles hat seine Zeit.
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