#8 Briefkasten

Als ich zum Termin zu meinem Orthopäden fuhr sah ich ihn. Diesen alten schon mit Grünspan überzogen gelben Briefkasten, der da noch fest an seinem schon schrägstehenden Pflock direkt neben der gläsernen Bushaltestelle für die Fahrschüler in der Einsamkeit der Moorsiedlung hing. Und ich fragte mich, ob er wohl noch immer im Betrieb ist, regelmäßig geleert wird, warum er nun so schräg dort steht und ihn kein Mensch mehr wieder ausrichtet. Und was er wohl schon in der langen Zeit die er dort stand und die man ihm definitiv auch ansah, wohl schon alles für den Weitertransport beherbergt hat. Und so schwirrten mir auf der längeren, langweiligen Fahrt über schnurgerade Landstraßen Geschichten dazu ein, was Menschen in ihn eingeworfen haben um sich anderen mitzuteilen.

Da waren die unzähligen Trauerbriefe, die die Trauerfamilie versendet hat um vielen Menschen mitzuteilen, dass ihr geliebtes Familienmitglied verstorben ist und wann die Beerdigung ist.

Oder der Einspruch gegen die Nachzahlung an das Finanzamt, wo man doch mit einer Rückerstattung gerechnet hat.

Der bittersüße Brief an die studierende Tochter, noch weit vor der Digitalisierung der Welt zu einer Zeit an der an gelben Telefonzellen die überall zu finden waren und noch „fasse dich kurz“ stand. In dem sie schildert, dass es nach dem Auszug ihrer Tochter zum Studium im Haus merklich still geworden ist. Sie sich aber jedesmal so freut, wenn der Sohn mit seiner Familie sie besucht und ihre Enkel auf der Schaukel, die am alten knorrigen Obstbaum hängt spielen, die die studierende Tochter über alles geliebt hat und darauf stundenlang schaukeln oder einfach tagträumen konnte und die sich sonst nur noch einsam quietschend im Wind wiegt. Sie den Tag herbei sehnt an dem ihre Tochter sie besuchen kommt.

Der letzte Brief an die verflossene Liebe, die man bittet endlich mal die letzten Sachen und Kartons abzuholen denn sie spülen immer wieder Erinnerungen hoch, die immer noch im Herzen sind, die keiner mehr nimmt, die ein Pfand sind und man immer noch Niagaratränen heult.

Aber vielleicht ein total romantischer Liebesbrief im einparfümierten, gefütterten Umschlag, nach dem der ganze Briefkasten noch tagelang duftete. Ein in Worte verfasster Sommertag, einfach einhunderprozentiger purer August. Bei dem von gemeinsamen Spaziergängen am Strand geträumt wird, und sich dabei alle 25m intensiv küssend. Einem wo die ganze Gefühlswelt offengelegt wird und in dem man in der Seele lesen kann wie in einem offenen Buch.

Huch jetzt bin ich angekommen und sitze im Wartezimmer, schwelge immer noch in den Gedanken um den schrägen Briefkasten und hätte fast den Aufruf der medizinischen Mitarbeiterin verpasst ins Behandlungszimmer zu kommen. Was aber bleibt ist die Erkenntnis, dass wir uns viel zu selten handschriftliche, lange Depeschen zukommen lassen die mit Liebe und Empathie geschrieben sind. Uns nur noch auf Emojis und knappe Nachrichten verlassen und keine Zeit mehr nehmen. Und letztlich bin ich da mittlerweile meistens nicht anders. Schade eigentlich…

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