#4 Das ist ja total schön! Aber was ist für mich eigentlich schön?

Ich finde meine Kaffeetasse total schön. Also sie ist nur porzellanweiß und hat auch keinen Aufdruck, aber ich mag die Form und ich liebe es wie sich der Henkel so wunderbar in die Hand schmiegt. Abgestellt dann auf die dazugehörige rechteckige Untertasse, löst der Anblick in mir ein nur schwer zu beschreibendes angenehmes Gefühl aus. Deshalb schmeckt der Kaffee nicht besser, denn ein guter Kaffee würde auch aus einem Blechpott schmecken, aber das schöne Porzellan lässt einem die Kaffeepause einfach mehr genießen. Aber ist das schön? Die ganze Kaffeepause ist schön. Die Kaffeetasse ist eher das I-Tüpfelchen. Sie ist hübsch und nur mit dem Drumherum wird sie dann auch schön.

Auch ein Sonnenuntergang ist schön. Er kann aus dem Auto auf der Autobahn betrachtet sehr schön sein, aber wenn wir einen Sonnenuntergang irgendwo am Meer oder in den Bergen, vielleicht zusammen mit einem ganz lieben Menschen betrachten, dann kann das viel mehr als schön sein. Es kann ein bleibender Moment werden, den wir für immer im Gedächtnis behalten und an den wir uns gern zurückerinnern. Ihr habt sowas bestimmt auch schon mal erlebt.

Aber wie ist das mit Menschen? Wenn wir Menschen sehen, oder neu kennenlernen, dann beurteilen wir als erstes sein Aussehen, seine Körpersprache und die Art wie er spricht. Unser Gehirn trifft in Millisekunden eine Entscheidung, sympathisch oder eben nicht. Aber ihr habt, wie ich natürlich auch, diesbezüglich auch schon eine Fehleinschätzung getroffen. Und da kommt es dann definitiv überhaupt nicht mehr darauf an, ob man einen Menschen Hübsch findet oder nicht. Der hübscheste Mensch kann sich nach kurzer Zeit als Superzick oder Riesenarsch darstellen, und Menschen, die man nicht sonderlich hübsch wegen was auch immer fand werden mit der Zeit immer angenehmer und man muss sein Ersteindruck korrigieren.

Also, für mich ist daher hübsch nicht gleich schön. Schöne Menschen haben für mich eine besondere Ausstrahlung. So eine, dass man sie einfach wahnsinnig gerne in seiner Nähe hat und mit ihnen Zeit verbringt. So eine, dass man wahrnimmt, wie emphatisch und warmherzig sie mit anderen Mitmenschen umgehen. So eine, dass man ihnen gerne zuhört und ihren Gedanken lauscht. So eine, dass man fühlt ihnen total vertrauen zu können. Dann sind sie für mich schön. Richtig, richtig schön.

Und solche schönen Menschen können auch wie Rauschgift werden und süchtig machen. Meine Frau ist für mich so eine Droge, und das muss dann wohl Liebe sein.

Total spannend finde ich in diesem Zusammenhang den Umstand, dass man Menschen, die man im Leben noch nie gesehen hat, aber mit denen man sich in sozialen Netzwerken austauscht mit der Zeit auch eine gewisse Ausstrahlung auf einen haben können. Da braucht man eigentlich kein Foto, man versteht sich auch so. Und wenn man sie wirklich mal im realen Leben trifft, ist es so, als ob man sich schon jahrelang miteinander befreundet wäre. Eine Erkenntnis, die ich erst sehr spät in meinem Leben gewonnen habe und nicht mehr missen möchte.

 Finde ich mich selber schön? Nein! Ich finde mich weder hübsch noch irgendwie besonders. Ich finde mich völlig unscheinbar und normal. Aber vielleicht bin ich mit dem mich normal finden etwas ganz Großem auf der Spur.

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